Norderstedt hat ein neues Frauenhaus

Die Mitarbeiterinnen sind geradezu euphorisch, sie freuen sich auf die Arbeit in hellen und großzügigen Räumen. Die bietet das neue Frauenhaus – die Einrichtung wurde am gestrigen Donnerstag offiziell eingeweiht. Wenn die ersten Frauen in Not am kommenden Montag und Dienstag einziehen, bleibt die Öffentlichkeit anschließend wie bisher ausgeschlossen, um die Bewohnerinnen zu schützen.

„Das neue Frauenhaus Norderstedt bietet zusammen mit den anderen 15 Frauenhäusern im Land Frauen und ihren Kindern Schutz und Zuflucht vor Gewalt. Für sie ist es in einer solchen Situation wichtig, die weiteren Schritte im Leben in Ruhe und Sicherheit planen zu können. Dafür brauchen sie Räumlichkeiten, die Freiraum und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Mit dem Neubau in Norderstedt wurde ein Ort geschaffen, an dem dies gelingen wird“, sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD), die sich das neue Gebäude ansah.

1,8 Millionen Euro hat der schmucke Neubau gekostet, der schon äußerlich anspricht: weiße Fassade, anthrazitfarbenes Dach, viele Fenster und vor allem Platz: Elf Zimmer verteilen sich über 820 Quadratmeter, die neue Einrichtung ist mehr als doppelt so groß wie das bisherige Schutzhaus, das 40 Jahre alt, marode und viel zu eng war. Rein rechnerisch gab es nur vier Quadratmeter für jede Frau, zum Teil mussten vier Schutzsuchende eine Jahr gemeinsam in einem Raum verbringen, es gab keine Chance auf Individualität, keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

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„Wir haben jetzt nicht nur mehr Zimmer, sie sind auch besser aufgeteilt und ermöglichen uns viel Flexibilität“, sagte Anita Brüning, Leiterin des Frauenhauses. Es gibt zwei Einzelzimmer, Zimmer für eine Frau mit zwei Kindern, ein großes Familienzimmer. Die Bewohnerinnen zweier Zimmer teilen sich ein Bad, im Erdgeschoss wird in einer großen Küche gekocht, eine kleinere Küche haben die Handwerker im Dachgeschoss eingebaut. Neu ist das Notaufnahmezimmer. Hinzu kommen ein großer und unterschiedlich nutzbare Gemeinschaftsräume, ein Freispielraum sowie je ein Zimmer, in denen Kinder und Jugendliche pädagogisch betreut werden können.

„Ab jetzt können wir in dem Neubau auch Söhne der Frauen ab 13 Jahren unterbringen. Das war bisher aufgrund der Enge im alten Frauenhaus nicht möglich“, sagte Andrea Makies, kaufmännische Geschäftsführerin im Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein, das Träger des Frauenasyls ist. Diese Restriktion sei gerade für Bewohnerinnen aus anderen Kulturkreisen problematisch, weil ältere Söhne dort eher die Rolle des Partners annähmen.

Nach wie vor ist vorgesehen, 25 Frauen einschließlich Kindern Zuflucht vor gewalttätigen Partnern zu gewähren. Sie werden von sieben Sozialpädagoginnen, die in Teilzeit arbeiten, betreut. Eine Hauswirtschafterin, die auch mit den Bewohnerinnen kocht, und ein Pädagoge, der als Honorarkraft mit den Kindern und Jugendlichen arbeitet, ergänzen das Team.

Den Löwenanteil der Baukosten hat das Land übernommen. 700.000 Euro fließen aus Kiel in das Schutzprojekt. Der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein beteiligt sich mit 379.135 Euro, der Kreis Segeberg gibt 300.000 Euro dazu, die Stiftung Deutsches Hilfswerk – Deutsche Fernsehlotterie 145.000 Euro. Die Stadt Norderstedt zahlt 210.000 Euro. „Glücklicherweise ist ein Frauenhaus heute, anders als noch in den 70er- und 80er-Jahren, nicht mehr umstritten, denn leider sind solche Anlaufstellen noch immer nötig“, sagte Norderstedts Stadtpräsidentin Kathrin Oehme.

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Diese Einsicht hat auch viele Norderstedter Bürger, Firmen und Einrichtungen dazu bewogen, das neue Frauenhaus mit Spenden zu unterstützen. „Das große Netzwerk engagierter Frauen und Männer ist beeindruckend“, sagte Anita Brüning: „So konnten wir eine wohnliche Inneneinrichtung des Frauenhauses durch Spenden finanzieren.“ Benefizveranstaltungen, Info-Stände, Lesungen, Konzerte und zahlreiche weitere kreative Aktionen begleiteten die Bauphase. „Ich freue mich, dass es durch die hohe Zahl engagierter Menschen gelungen ist, mehr als 100.000 Euro für die Einrichtung einzuwerben“, sagte Pastor Gunnar Urbach, der als erfolgreicher Spendensammler seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die ersten Frauen in den nächsten Tagen in die neue Zufluchtsstätte einziehen können.

Mit enormem Engagement hat sich der Unterstützerinnenkreis für den Neubau des Frauenhauses eingesetzt. Die Gruppe hat durch eigene Veranstaltungen Spenden eingeworben. Schirmfrau ist Norderstedts Sozialdezernentin Anette Reinders, die sich die neuen Räume ebenfalls ansah.

Text: Michael Schick in Hamburger Abendblatt – Regionalausgabe Norderstedt am 27.11.2015
Foto: Cornelia Strauß